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Werkzeug 1: Quartiersanalyse

Die Quartiersanalyse bildet den ersten, allen weiteren Schritten vorgelagerten Baustein des Handlungsrahmens. Bevor Leit- und operative Ziele und die daraus abgeleiteten Maßnahmen bestimmt werden können, muss zunächst geklärt werden, auf welchen Sozialraum sich die Planung bezieht und welche Ausgangslage dort vorzufinden ist. Genau diese Grundlage schafft die Quartiersanalyse. Sie ist dabei variabel in Bezug auf den Zuschnitt der betreffenden Sozialräume, kann also sowohl eher kleinteilig als auch eher übergeordnet angelegt sein.

Bei der Quartiersanalyse bauen zwei Arbeitsschritte aufeinander auf: Zunächst wird in den Blick genommen, welche Infrastrukturen und welche Bedarfe im Raum vorhanden sind. Im Anschluss erfolgt auf dieser Basis die Festlegung des Quartiers. Erst wenn der Planungsraum eindeutig bestimmt und abgegrenzt ist, können alle weiteren Erhebungen, Ziele und Maßnahmen des Handlungsrahmens trennscharf darauf bezogen werden. Eine belastbare Quartiersanalyse ist damit die Voraussetzung für eine valide und widerspruchsfreie Daten- und Planungsgrundlage der gesamten Sozialplanung.

Die Quartiersanalyse dient dazu, die Ausgangssituation im Sozialraum systematisch zu erfassen und eine fundierte Wissensbasis für die weitere Planung zu schaffen. Neben statistischen Daten und Informationen zur vorhandenen Infrastruktur sind dabei insbesondere die Erfahrungen und Perspektiven der Menschen vor Ort von Bedeutung. Zur Erhebung dieser qualitativen Informationen können unterschiedliche partizipative Methoden eingesetzt werden. Anregungen und praktische Hilfestellungen hierzu, beispielsweise zur Durchführung von Quartiersbegehungen, finden sich im Werkzeug Bielefelder Baukasten. Dieser ergänzt das Werkzeug Quartiersanalyse um konkrete Methoden zur Beteiligung und Erkundung des Sozialraums.

Formen der Quartiersanalyse

Im Folgenden werden vier verschiedene Formen der Quartiersanalyse beschrieben, die sich ergänzen und jeweils eine eigene Perspektive auf das Quartier eröffnen:


Nach einer kurzen Beschreibung der Methode wird dargestellt, wie sie im Rahmen des Projekts „Quartier inklusiv!“ in Bielefeld angewandt wurde und welche Grenzen sie hat. Es folgt eine beispielhafte Abbildung.

Quartiersanalyse anhand der Infrastruktur

Grundlage

Grundlage einer nachhaltigen Sozialplanung ist die Kenntnis infrastruktureller Daten, um auf dieser Basis Planungsziele formulieren und Maßnahmen bedarfsorientiert entwickeln zu können. Dazu wird die Infrastruktur des gewählten Planungsraums mithilfe von Online-Diensten analysiert, um ein differenziertes Bild der räumlichen und sozialen Ausgangslage zu erhalten. Diese Abbildung sozialräumlicher Infrastrukturen bildet damit die planerische Grundlage für alle weiteren Maßnahmen im Rahmen des Handlungsrahmens und stellt sicher, dass Interventionen später dort ansetzen, wo der Bedarf am größten ist.

Analyse

Im Rahmen der Quartiersanalyse wird zur Erfassung der Infrastruktur in den Planungsräumen auf frei zugängliche Online-Dienste zurückgegriffen (z.B. Google Maps, Online-Karten). Anhand von digitalen Karten- und Standortdiensten können relevante Infrastrukturangebote im Quartier systematisch erfasst und ausgewertet, darunter beispielsweise Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, des öffentlichen Nahverkehrs, der Nahversorgung sowie Beratungs- und Freizeitangebote. Vorab sollte festgelegt werden, welche Angebote erfasst werden sollen, zum Beispiel Arztpraxen und Apotheken, Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs, Einkaufsmöglichkeiten sowie Beratungs- und Freizeitangebote. Werden alle Fundstellen nach denselben Kategorien in einer einheitlichen Liste oder Karte dokumentiert, bleiben die Ergebnisse vergleichbar, auch wenn später weitere Quartiere hinzukommen. Das Vorgehen ermöglicht eine schnelle und kostengünstige Bestandsaufnahme relevanter Infrastrukturen, ohne aufwendige Primärerhebungen selbst durchführen zu müssen. Die so gewonnenen Erkenntnisse können in einem weiteren Schritt beispielsweise mit zusammengeführten Geodaten und Daten von Leistungsbeziehenden abgeglichen werden, um ein möglichst vollständiges Bild der Ausgangslage im jeweiligen Pilotquartier zu erhalten.

Grenzen

Die Analyse hat Grenzen: Online-Dienste sind nicht immer aktuell oder vollständig. Vor allem fehlen dort meist Angaben dazu, ob ein Angebot tatsächlich barrierefrei ist. Die Online-Erhebung liefert deshalb einen guten ersten Überblick, ersetzt aber keine Begehung vor Ort und nicht das Wissen der Menschen, die im Quartier leben und arbeiten. Es empfiehlt sich, die Ergebnisse gezielt durch diese weiteren Daten und Informationen zu ergänzen.

Beispiel

Als Orientierung für die eigene Umsetzung steht die folgende Online-Karte mit den darin abgebildeten Erhebungskategorien beispielhaft zur Verfügung.

Quartiersanalyse anhand personenbezogener Merkmale von Einwohnerinnen und Einwohnern

Grundlage

Die Erhebung personenbezogener Merkmale von Einwohnerinnen und Einwohnern eines Planungsraumes generiert Erkenntnisse, die in Bezug auf mögliche Veränderungs- oder Planungsbedarfe relevant sein können. Dazu zählt beispielsweise die Frage, wie viele Einwohnerinnen und Einwohner eines Quartiers einen Schwerbehindertenausweis mit bestimmten Merkzeichen besitzen.

Analyse

Im Projekt „Quartier inklusiv!“ wurden die Daten von IT.NRW genutzt, um kleinräumig zu erfassen, wie viele Personen in den jeweiligen Quartieren einen Schwerbehindertenausweis besitzen, welche Merkzeichen vergeben sind und wie sich die Betroffenenstruktur nach Altersgruppen zusammensetzt. Diese Datengrundlage ermöglicht eine differenzierte Einschätzung der spezifischen Bedarfslagen im Quartier und schafft die Voraussetzung dafür, Maßnahmen der Inklusionsplanung zielgenau auf die tatsächliche Zusammensetzung der Bevölkerung mit Behinderungen auszurichten. Leben in einem Quartier etwa viele ältere Menschen mit Gehbehinderung, ergeben sich andere Handlungsbedarfe als bei einem hohen Anteil junger Menschen mit Sinnesbehinderungen. Vorab sollte festgelegt werden, nach welchen Kategorien ausgewertet wird, also welche Merkzeichen, welche Altersgruppen und welche räumlichen Einheiten betrachtet werden. Werden alle Quartiere nach denselben Kategorien ausgewertet, bleiben die Ergebnisse vergleichbar. Da es sich um sensible Gesundheitsdaten handelt, ist eine datenschutzkonforme Verarbeitung unerlässlich. Bei kleinen Fallzahlen kann es notwendig sein, Werte zusammenzufassen, damit keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind.

Grenzen

Die Analyse hat Grenzen: Die Daten bilden ausschließlich Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung ab. Wer keinen Ausweis beantragt hat oder einen Grad der Behinderung unter 50 hat, taucht in der Statistik nicht auf. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit Behinderungen im Quartier liegt daher höher. Zudem hängt die Aktualität der Daten von den Erhebungszyklen der amtlichen Statistiken ab. Die Auswertung liefert insofern eine gute Orientierung, sollte aber gemeinsam mit den weiteren Datenquellen und dem Wissen der Akteurinnen und Akteure vor Ort betrachtet werden.

Beispiel

Als Orientierung für die eigene Umsetzung steht eine tabellarische Auflistung der Menschen mit Schwerbehinderung aus einem der beiden Projektquartiere in Bielefeld mit fiktiven Daten zur Verfügung.

Die Tabellen zeigen einmal die Altersverteilung von Personen mit Schwerbehindertenausweis nach Sozialgesetzbuch IX in einem Quartier. Die zweite Tabelle veranschaulicht, bei wie vielen Personen im Ausweis ein besonderes Merkzeichen eingetragen wurde und um welche Merkzeichen es sich dabei handelt. Die Angaben in beiden Tabellen sind fiktiv.

Quartiersanalyse anhand von Daten der Leistungsbeziehenden

Grundlage

Je nach planerischem Fokus ist es hilfreich, über Kenntnisse darüber zu verfügen, wie viele Personen innerhalb eines Quartiers Leistungen wie zum Beispiel Eingliederungshilfe nach SGB IX beziehen. Diese Daten können beim Leistungsträger in anonymisierter Form erfragt und dann mit anderen Informationen in Verbindung gesetzt werden.

Analyse

Im Rahmen der Quartiersanalyse werden Daten des Trägers der Eingliederungshilfe ausgewertet, um zu erfassen, wie viele Personen in den jeweiligen Quartieren Leistungen der Eingliederungshilfe beziehen und wie sich diese nach Personenkreis, Geschlecht und Altersgruppen unterscheiden. Für das Projekt „Quartier inklusiv!“ wurden Daten des LWL genutzt, die differenziert sind nach den Personenkreisen geistige Behinderung, körperliche Behinderung, seelische bzw. psychische Behinderung sowie Suchterkrankung. Diese Datengrundlage ermöglicht eine fundierte Einschätzung der spezifischen Ausgangslage im Quartier und schafft die Voraussetzung dafür, Maßnahmen der Inklusionsplanung zielgenau auf Leistungsbeziehende auszurichten. Beispielsweise benötigt ein Quartier mit vielen jüngeren Menschen mit psychischer Erkrankung in der Regel andere Freizeitangebote als eines, in dem überwiegend ältere Menschen mit geistiger Behinderung leben. Vorab sollte festgelegt werden, nach welchen Kategorien ausgewertet wird, also welche Personenkreise, Altersgruppen und räumlichen Einheiten betrachtet werden. Werden alle Quartiere nach denselben Kategorien ausgewertet, bleiben die Ergebnisse vergleichbar. Für die Umsetzung braucht es eine Abstimmung mit dem Leistungsträger der Eingliederungshilfe über die Bereitstellung der Daten sowie Zeit für deren Aufbereitung und Analyse. Da es sich um sensible personenbezogene Daten handelt, ist eine datenschutzkonforme Verarbeitung unerlässlich. Bei kleinen Fallzahlen sollten Werte zusammengefasst werden, damit keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind.

Grenzen

Die Analyse hat Grenzen: Die Daten bilden ausschließlich Menschen ab, die aktuell Leistungen der Eingliederungshilfe beziehen. Menschen mit Behinderungen, die keine Leistungen in Anspruch nehmen, tauchen in der Auswertung nicht auf. Die Auswertung liefert deshalb eine gute Orientierung, sollte aber gemeinsam mit der Schwerbehindertenstatistik, der Analyse der Infrastruktur und dem Wissen der Akteurinnen und Akteure vor Ort betrachtet werden.

Beispiel

Als Orientierung für die eigene Umsetzung stehen fiktive Angaben zu Leistungsbeziehenden aus Bielefeld entsprechend der gewählten statistischen Raumeinheiten zur Verfügung.

Die Tabelle zeigt fiktive Daten von Leistungsbeziehenden („LB“)  der Eingliederungshilfe nach SGB IX in einer vorab gewählten statistischen Raumeinheit. Unterschieden wird dabei einerseits nach der Wohnform (innerhalb oder außerhalb besonderer Wohnformen) und andererseits zwischen Geschlecht, Personenkreis und Alter.

Quartiersanalyse anhand von statistischen Raumeinheiten

Grundlage

Statistische Raumeinheiten sind abgegrenzte geografische Gebiete, die für statistische Zwecke festgelegt werden. Sie ermöglichen es, beispielsweise Daten zur Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner, zum Thema Arbeitslosigkeit oder zur Einkommensverteilung räumlich zu erfassen und miteinander zu vergleichen. Dabei stimmen sie nicht unbedingt mit politisch-administrativen oder sozialräumlichen Grenzen überein.

Analyse

Im Rahmen der Quartiersanalyse werden Eingrenzung von Quartieren anhand der statistischen Raumeinheiten des Katasteramtes gesetzt. Nur wenn die Quartiersabgrenzung mit den amtlichen Raumeinheiten übereinstimmt, können statistische Daten, etwa zu Leistungsbeziehenden oder Personen mit Schwerbehindertenausweis, eindeutig und korrekt dem jeweiligen Quartier zugeordnet werden. Weichen die Quartiersgrenzen von diesen Raumeinheiten ab, drohen Unschärfen und Verfälschungen in der Datenbasis, die die gesamte Planungsgrundlage beeinträchtigen.

Grenzen

Die Analyse hat Grenzen: Das Projekt „Quartier inklusiv!“ in Bielefeld hat gezeigt, dass die auf Basis statistischer Raumeinheiten definierten Quartiersgrenzen erheblich größer ausfallen können als jene, die zuvor auf Grundlage anderer Daten – etwa zu Schwerbehindertenausweisen, Leistungsbeziehenden und Infrastruktur – fachlich gezogen wurden. Die Neuausrichtung der Quartiersgrenzen der zwei Projektquartiere war mit erheblichem Mehraufwand verbunden. Dies verdeutlicht, dass die statistischen Raumeinheiten des Katasteramtes nicht nachträglich, sondern von Beginn an in den Prozess der Quartiersbestimmung einbezogen werden müssen, um eine valide und widerspruchsfreie Datengrundlage für die gesamte Planung sicherzustellen.

Beispiel

Als Orientierung für die eigene Umsetzung steht ein Beispiel aus Bielefeld zur Verfügung. Es zeigt anhand realer Angaben, wie die einzelnen statistischen Raumeinheiten abgegrenzt sind und wie daraus ein Quartier abgeleitet werden kann.

Die Darstellung zeigt die statistischen Raumeinheiten in Brackwede (orange Linien) und die im Projekt festgelegte Quartiersgrenze (gelbe Linie).